Über uns

Der Blog der grundrisse Redaktion setzt nach der Einstellung der Zeitschrift grundrisse die Arbeit der Redaktion in neuer Form fort. Hier haben wir eine kurze Geschichte der grundrisse aus dem Jahre 2007 hinzugefügt, die wir im Weiteren ergänzen werden

Erstmals angedacht wurde das Projekt einer Theoriezeitung durchaus wienerisch – bei einem Heurigenbesuch im Sommer 2001. Gemeinsamer Ausgangspunkt war die von allen in der Gruppe geteilte Ansicht, dass es der Linken (nicht nur) in Österreich an einer Struktur fehle, in der strömungsübergreifend und offen die Diskussion und Reflexion über Fragen linker Theorie – aber auch Praxis – geführt werden könne. Was lag da näher, als solch eine Zeitschrift zu gründen? Nach einigen Vorarbeiten und Diskussionen erschien so im Winter 2001/02 die erste Ausgabe der grundrisse.zeitschrift für linke theorie & debatte.Der Name grundrisse ist dabei in zweierlei Hinsicht „Programm“: einerseits in Bezugnahme auf eines der wichtigsten Werke von Karl Marx, zum anderen die Symbolisierung der Unabgeschlossenheit des Projektes grundrisse. Das zeigte auch die weitere Entwicklung von Redaktion und Zeitschrift. Stand die Analyse Marxscher Texte in der ersten Nummer im Mittelpunkt, so wandelt(e) sich das Projekt über die Auseinandersetzung mit dem (Post)Operaismus, mit feministischen Ansätzen, Wertkritik und Poststrukturalismus, Theorien von Rassismus und Migration, der Weltsystemanalyse sowie kritisch-sozialwissenschaftlichen und bewegungsgeschichtlichen Ansätzen zu einer – wie wir hoffen – strömungs­über­greifenden und undogmatischen Zeitschrift der Linken.

Nicht zufällig entstanden die grundrisse im Anschluss an die breite Protestbewegung gegen die blau/schwarze österreichische Bundesregierung. Aber auch andere soziale Bewegungen und neue theoretische Entwürfe gingen an der Entwicklung der grundrisse nicht spurlos vorüber. Die Redaktionsmitglieder sind in verschiedenartigsten politischen Zusammenhängen aktiv, als Redaktionskollektiv waren wir z.B. aktiver Teil der Sozialforenbewegung. Drei Bücher, die seit der Gründung der Zeitschrift erschienen sind, führten zu intensiver Beschäftigung – sowohl im Rahmen von Diskussionsrunden und Veranstaltungen, als auch durch die Veranstaltung von Arbeitstagungen oder Lesekreisen. Empire von Michael Hardt und Toni Negri, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen von John Holloway und Paolo Virnos „Grammatik der Multitude“. Obwohl diese drei Bücher einen gemeinsamen Nenner haben – nämlich dass sie von den sozialen Kämpfen aus denken, verstehen sich die grundrisse nicht als Strömungszeitschrift. Trotz der zum Teil erheblichen Differenzen mit diesen Ansätzen sehen wir die Möglichkeit einer Weiterentwicklung linker Theorie und auch Politik nur über die offene Auseinandersetzung verschiedener Zugängen gegeben.Diese Auseinandersetzungen spiegelten sich auch in den Themen der Zeitung wider. Bereits die zweite Nummer war der Debatte um Empire gewidmet. Nach einer verstärkten Auseinandersetzung mit marxistischen Staatstheorien und verschiedenen Sichten auf den Begriff der „ArbeiterInnenklasse“ wandten wir uns 2004 sowohl der Beschäftigung mit der Theorie John Holloway als auch der Problematik möglicher postkapitalischer Vergesellschaftungsweisen zu.

Dies fand auch im Thema des Sommerseminars in diesem Jahr ihren Ausdruck. Theorien des politischen Antirassismus und feministische Ansätze fanden ebenso Eingang in die Diskussion, wenngleich auch nicht in der gewünschten Intensität. Dies gilt auch für die Auseinandersetzung mit der Genderproblematik, obwohl die Veränderung des innerredaktionellen Geschlechterverhältnis (in der Gründungsphase 100% Männer, heute ca. 2:1) zumindest in die richtige Richtung weist. Ebenfalls positiv zu vermerken ist sowohl die Vergrößerung als auch die mittlerweile deutlich breitere altersmäßige Zusammensetzung der Redaktionsmitglieder. Früchte tragen auch die kontinuierlichen Bemühungen, internationale Kontakte auf- und auszubauen, nicht zuletzt in Richtung Osteuropa.

Mit großem Interesse verfolgen wir die jeweils aktuellen sozialen Bewegungen – von der globalen Protestbewegung über die Aufstände in Argentinien 2001 bis hin zu den Aufständen in Paris, aber auch die Auseinandersetzungen um Wohn- bzw. Freiräume (nicht nur) in Österreich. Die Beschäftigung mit diesen Bewegungen findet zunehmend Niederschlag in der Zeitung; sowohl die momentanen Diskussionsschwerpunkte in der Redaktion als auch die redaktionelle Beteiligung an der Vorbereitung des Wiener EuroMayDay bzw. auch das Thema des Sommerseminars 2006 („Die (Un)Möglichkeit revolutionärer Politik“)weisen in diese Richtung. Dies gilt auch für die Debatte zum Verhältnis von marxistischen und anarchistischen Ansätzen sowie jene um das bedingungslose Grundeinkommen.

Ziel unsere „theoretische Praxis“ sind nicht nur zunehmend interessantere und lesbarere Texte, sondern letztlich auch eine vielfältigere undeffektive bzw. entschiedenere Praxis systemüberwindender Politik. Insofern (und nicht zuletzt aufgrund der mannigfaltigen politisch-aktivistischen Engagements der Redaktionsmitglieder) sehen wir uns auch als politisches Projekt. Dabei verstehen wir uns dabei keineswegs als Alternative zu anderen Organisationen, Projekten und vernetzten Strukturen, im Gegenteil. Wir empfinden es als Bereicherung, wenn jene, die – in welchem Ausmaß auch immer – in der Redaktion mitarbeiten, ihre Erfahrungen aus anderen Zusammenhängen in die Arbeit der grundrisse – Redaktion einbringen. Insbesondere versuchen wir drei Milieus miteinander in Diskussion zu bringen, die leider oftmals kontaktlos nebeneinander bestehen, nämlich das politisch-aktivistische, das (akademisch-)theoretische und das künstlerisch-politengagierte Milieu. Alle diese Bereiche haben ihre spezifischen Stärken aber auch ihre Defizite. Ein Ziel unserer Zeitschrift ist es auch, das Positive der jeweiligen Felder in die anderen hineinzutragen um dadurch die spezifischen Schwächen sichtbarer zu machen. Auch die rege Veranstaltungstätigkeit der Redaktion ist von den Bemühungen getragen künstlerische, aktivistische und theoretische Szenen zusammen- aber auch zur solidarischen Auseinandersetzung zu bringen.

Das wichtigste Anliegen unserer Redaktionsarbeit ist, den Prozess qualifizierter gegenseitiger Befragungen in den Reihen der radikalen Linken zu fördern. Dementsprechend gibt es auch keine „Redaktionsmeinung“ – außer jener über die Ablehnung von Artikeln. Jeder Artikel wird mindestens einmal in der Redaktionssitzung diskutiert – wenn möglich mit der Autorin oder dem Autor. Über eine konstruktive Debatte sollen unklare oder kritische Punkte der Autorin / dem Autor vermittelt werden, die sie/er in den endgültigen Text einfließen lassen kann – aber nicht muss. Wenn Abstimmungen notwendig sind, so führen wir diese nicht durch Handheben und Stimmenzählen durch, sondern wir stimmen ab, wie Musikinstrumente aufeinander abgestimmt werden…

Einer unserer Gäste hat uns zu vorgerückter Stunde einmal als naive Wohlfühltruppe abzuqualifizieren vermeint. Dazu ist zu sagen, dass wir uns als Wohlfühltruppe treffend charakterisiert finden und damit gut leben können. Schließlich sind es auch ganz sicher nicht die forcierten GrantlerInnen und pathetischen Finsterlinge, die eine Systemtransformation voranbringen werden. Über´s naiv müssten wir allerdings noch ein bisschen reden…

Die Redaktion der grundrisse – zeitschrift für linke theorie & debatte, im März 2007

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